19.08.2005
GALT kommt zu uns an Bord der COUR DE MER. Ein mexikanischer Adler, geboren
auf Mallorca, etwa 3 Monate alt. Ein Männchen. Seine Eltern stammen aus der Wüste
Sonora in Mexico.
Am ersten Abend bekommt er Wachtelfleisch zu fressen, begleitet von einem
Pfiff zur Fütterung. Er sitzt auf seinem Holzast am Eingang und wir bereiten noch 2 weitere
Plätze für ihn vor: Am Bugkorb und am Heck, obwohl er die ersten Tage erstmal unter Deck
lebt, um ihn nicht zu überfordern. GALT hatte bis dahin in einer Voliere gelebt und hatte
keinerlei Kontakt mit Menschen. Sein Futter bekam er durch eine kleine Klappe gereicht.
Die ersten Nächte schläft er bei mir in der Kabine auf seinem vorbereiteten Sitzplatz
zur Vertrauensfindung. Er schläft noch viel und ich gebe ihm Zeit, sich an uns zu gewöhnen.
Im Laufe der folgenden Tage wird er zutraulicher. Er sitzt zum Schutz gegen die Sonne unter dem
Sonnenschirm an Deck und beobachtet die Kormorane, wie sie durchs Wasser "fliegen".
24.08.2005
Ich gehe mit GALT auf der Hand wieder mal über Deck spazieren und er geniesst die leise Ansprache.
Nun gehe ich mit ihm vom Schiff, um ihnan die Umgebung zu gewöhnen. Er ist anfangs wegen der
unbekannten Geräusche nervös, aber durch leises Zureden und Körperkontakt zu mir
beruhigt er sich.
05.09.2005
Ich kann ihn jetzt sogar mit ins Auto nehmen und spazieren fahren. Er sitzt auf der Rückbank und betrachtet aufmerksam seine Umgebung. Er beobachtet mich
im Rückspiegel und verhält sich erstaunlich gelassen. Wir fahren ins Campo und beginnen
mit dem Anflugtraining. Versuch aus 1,20m. Habe Hühnereingeweide auf dem Handschuh.
Er gähnt, wackelt mit dem Schwanz, kommt aber nicht. Nach 20 min. fliegt er aus 1/2 Entfernung
auf die Hand. Nach und nach verlängere ich die Anflugstrecke und locke ihn mit dem Pfiff zu mir.
11.09.2005
Aufkommendes Gewitter, GALT sitzt draussen und geniesset den Regen, lässt mit ausgebreiteten
Schwingen sein Gefieder trocknen. GALT bekommt Badeschale. Im Laufe des Tages tappt er hinein - und mag es!
Putzt sein Gefieder und hält Blickkontakt mit mir.
22.09.2005
GALT bewegt sich auf dem ganzen Schiff, viele Zuschauer kommen vorbei, um ihn zu bestaunen.
An manchen Tagen gehe ich mit ihm im Dorf spazieren. Er vertraut mir. GALT zupft überall,
spielt ausgelassen mit einer Stoffrobbe, mit den Tauen an Bord und allem, was ihm vor den
Schnabel kommt.
Ende September
Wir gehen täglich ins Campo. Ich trainiere ihn für die Jagd. GALT liebt die Ausflüge
in die Natur, ist sehr neugierig, fürchtet sich ein bisschen vor den Schafen. Er untersucht
Hasenködel und Feldsteine und schaut den auffliegenden Tauben nach. Ich setze ihn auf Äste
von Mandelbäumen und Feigenbäumen. Dort zupft er an den Blättern und spielt mit
kleinen Ästen. Wenn wir in Dämmerung unterwegs sind, wird er oft nervös. Ich singe
ihm sein kleines Lied vor und er beruhigt sich sofort und zupft gelassen an meiner Kleidung.
Oktober 2005
GALT fliegt bereits aus 20m Entfernung an und freut sich über mein Lob. Aus reiner Freude am
freien Fliegen ist er übermütig. Er ist hochsensibel und sehr aufmerksam. GALT bemerkt
natürlich die Hasen auf dem Feld lange vor mir. Oft gehen wir stundenlang spazieren,
spüren gemeinsam Beute auf. Bisher hat er aber keinen Hasen erlegt, es fehlt noch an Übung.
November 2005
Regelmässige Pflege der Fussfesseln aus Kängeruhleder mit spezieller Vaseline. Mittlerweile
fliegt er ganz frei auf den Feldern rund um Porto Colom. GALT fliegt aus mehr als 100m Entfernung
auf den Handschuh. Wenn ich ihn auf einem alten Feigenbaum absetze, bleibt er nicht mehr sitzen, um
die Entfernung abzuwarten. Er fliegt einfach hinter mir her und wir freuen uns beide, wenn er dann
unvermittelt auf meiner Schulter landet und vor Zufriedenheit leise Knarrgeräusche von sich gibt.
Ein Regierungsangestellter vom Medi Ambient kommt, begutachtet GALT und stellt mir die
spanischen und internationalen Papiere für den Adler aus und gibt noch ein paar Instruktionen mit
auf den Weg. Ich bokomme meinen Ausweis und bin somit Falknerin und sehr stolz.
Indessen bereiten wir unsere Abfahrt in die Karibik vor. GALT hat sich gut eingewöhnt und ist nun
ein vollwertiges Teammitglied geworden.
Ende November 2005
Wir legen wir, Richtung San José in Andalusien. GALT schaut zunächst
verwirrt als die Segel gehisst werden, betrachtet das Schiff aber eher als grossen Vogel.
Wir haben lebende Küken mitgenommen für GALT, er braucht natürlich frisches Fleisch.
Seine Aufregung legt sich während der Fahrt bald und er sitzt relaxt neben uns auf seiner
Heckstange und beobachtet jede Bewegung. GALT frisst am Abend seine Wachtel und döst danach
zufrieden.
Die Nacht ist ruhig und sternenklar, wir segeln über Nacht. GALT putzt bei Sonnenaufgang sein Gefieder und
trocknet sich vom Morgentau. Er ist sehr relaxt und zufrieden.
Die Küken sind gerade im Korb auf dem Kommandotisch, als GALT durch den Eingang in die Messe fliegt
und sie sieht. Ich beobachte, wie er den Korb taxiert, sich aber ruhig verhält. Etwa 1 Stunde später
stürzt er sich mit absoluter Genauigkeitauf den Korb und holt sich ein Küken.
Seine erste slbstständige Jagd und ein Erfolg - wenn auch so nicht geplant.
Wir segeln bei leichtem Wind dahin und geniessen die Fahrt.
Am dritten Morgen ist der Himmel purpurrot. Kein gutes Zeichen! Wir rechnen mit Starkwind.
GALT indessen spielt früh mit dem Tauwerk und scheint sich völlig gelassen. Zeit
für die Fütterung. Noch während ich sein Futter bereite, fliegt er auf und
dreht mehrere Runden um das Schiff. Er reagiert auf mein Rufen mit Blickkontakt, will aber
nicht landen. GALT hat einen Fisch erspät.
Ich habe eine schlechte Vorahnung ! Nur ein Seeadler ist in der Lage, im Meer zu fischen.
Alles Rufen nützt nichts, der Jagdtrieb ist stärker. GALT greift einen grossen
Fisch, der kann sich befreien. Aber im nächsten Moment greift GALT erneut zu und -
geht mit ihm unter.
Alle sind erstarrt vor Entsetzen. Ein Adler lässt seine Beute nicht los, bevor er sie
getötet hat und apportiert sie auch nicht.
Ich hoffe auf ein Wunder. Aber GALT taucht nicht auf. Der Fisch hat ihn heruntergezogen,
GALT kann die Krallen nicht öffnen, wenn er Beute geschlagen hat.
Wir suchen noch lange nach ihm, obwohl wir wissen, dass wir ihn verloren haben.
GALT ist von seiner letzten Jagd nicht zurückgekehrt.
Wir vermissen ihn und werden die schöne Zeit mit ihm nie vergessen!
Er war uns ein enger Freund geworden!
Moni
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